Großstadt mit Hindernissen

Auf Jakobswegen (29)

Sechster Tag. Von Bruchköbel bis Frankfurt a. M.

Etappe 4 – Von Fulda nach Bingen
Ende Juli, Anfang August 2022 / Eine Bildergeschichte


Tagesziel Frankfurt am Main



Nachtwandern abseits des Jakobswegs


Hochstadt: das Obertor und die Hauptstraße

Es war noch finstere Nacht, als ich mich weiter in Richtung Frankfurt auf den Weg machte, nachdem ich – irrtümlicherweise und übereilt – zuvor meine sichere Schlafstätte und das Obdach in Bruchköbel verlassen hatte. Die feine historische Altstadt von Hochstadt lag menschenleer im stillen Lampenschein.

Dieser Stadtteil von Maintal vor Frankfurt liegt abseits des Jakobswegs, der von Wachenbuchen aus in großem Bogen weit nördlich durch gewiss malerische Felder führt. Im Dunkeln hielt ich mich lieber an die Vorstädte, die entlang der Autobahn 66 zur Mainmetropole führen.

Die „Gudde Moijsche“- Bäckerei, die ich mit einer Bäckerei vom Vortag verwechselt hatte, war erst hier irgendwo in Maintal. Und als ich dort bei Croissant, hartgekochtem Ei und heisser Schokolade die Süddeutsche Zeitung durchforstet und noch einen großen Kaffee zum krönenden Abschluß genossen hatte, war es endlich heller Tag.

Also schlug ich den Weg zum Anschluß an die Jakobsroute ein. Hier bot sich mir ein schöner Anblick, irgendwo westlich von Bischofsheim.



Inzwischen hatte ich die Rhein-Main Rad- und Freizeitkarte vom GeoCenter Verlag hervorgekramt, laminiert und reißfest, aber mit kleinerem Maßsstab, als hilfreich wäre.


Ausschnitt Karte vom Verlag GeoCenter: gepunktet ist der Verlauf des Jakobswegs von Bruchköbel bis Frankfurt eingetragen. Vermutlich suchte ich einen Weg irgndwo durch das Naturschutzgebiet Berger Hang.

Dieser Blick auf Bergen-Enkheim wurde mir beschert, als ich immer noch abseits des Jakobsweges lief.


Ich durchquerte den Stadtteil, geriet auf den Neuen Weg, der mich geradewegs an der Laurentiuskirche vorbeiführte und endlich zum etwas prosaischeren Ort, wo aber die Jakobsmuschel verriet, dass ich wieder auf dem richtigen Weg sei.



Die Kirchgasse mündete irgendwann in den Wallfahrtsweg, reich an Hecken und Bäumen, eine grüne auto-freie Spur auf der Höhe, auf der sich selbst ein Pilger wie ich schwerlich verlaufen kann; denn auch der jähe Abbieger nach Süden war klar ausgeschildert.


Hinter den Bäumen liegt Frankfurt.

Vor einem der anliegenden Gärten war eine selbstgebaute festverkettete Sitzbank angebracht, die mich freundlich zum Verschnaufen einlud. Gegenüber gab es einen liebenswert angelegten Garten am Wegesrand im Niemandsland, sogar mit frischgepflanzten Bäumchen, freudig von Insekten umsummt. „Da sitz man gut, nicht wahr?“ sprach mich der dazugehörige Gärtner an, der sich irgendwo zu schaffen gemacht hatte, was ich im seligen Verschnaufen noch gar nicht bemerkt hatte. „Die Bank musste ich anketten, ist schon zweimal weggeschafft worden.“

Ich dankte ihn für seine Gastfreundschaft. Er sei in Schwierigkeiten mit dem Nachbarn gegenüber, meinte er. Der wolle nicht all diese Extras auf dem öffentlichen Weg. Er will lieber wildes Gestrüpp, damit keiner seinen Blick auf sein Grundstück lenkt und womöglich auf seine Frau – die sei aber sowieso alt und dick wie der böse Nachbar selbst, ließ der Guerilla-Gärtner nicht unerwähnt. Ach ja. Die Welt könnte so schön und friedlich sein … Ich wünschte ihm Frieden und alles Gute und Gedeihen für seine Fauna und Flora. Weiter ging’s, immer nach Süden am Stadtrand entlang, bis der Weg beim Ostpark wieder sanft nach Westen schwenkt.


Und dann war ich schon in Frankfurt am Main.

Irgendwo gab es einen Hinweis, dass das Diakonissenhaus an der Cronstettenstraße in Nordend West Leute beherbergen würde; und dorthin machte ich mich auf den Weg. Eine ganze Weile irrte ich im Westen umher, weil ich liebend gerne die Richtungen verwechsle, kam aber irgendwann in der Cronstettenstraße an, aber weil es noch zu früh war, weil sie erst ab zwei Uhr öffneten, erkundete ich noch die Nachbarschaft und entdeckte in der Nähe das Unigelände. Dort – es war vorlesungsfreie Zeit – war zwar die Mensa geschlossen, aber Studenten, an die ich mich wandte, wiesen mich auf eine Caféteria hin. Dort gab es Reis mit Currysauce und Soja. Dazu gönnte ich mir Apfelschorle und Studentenfutter.

Dann war es Zeit für den nächsten Versuch meiner Herbergssuche. „Wo ist das Diakonissenheim?“, fragte ich eine Frau, die einen Altenheimbewohner bei der Adresse auf dem sonnigen Hof spazierenfuhr. Etwas mürrisch mit einer Kopfbewegeung verwies sie mich auf den Bau nebenan: „Das alles da!“. Das Diakonissenhaus ist großherrschaftlich, mit piekfeinem Vorgarten und mit vielen Klingeln, aber nur auf eine hin meldete sich eine Stimme vom Band, ich solle eine Nachricht in die Sprechanlage sprechen; alle anderen Klingeln endeten gleich im Nichts. Mein Anruf vom Vortag war auch unbeantwortet geblieben. Da suchte ich mein Glück anderswo.

Diesmal nahm ich den Bus und stieg ab im Hotel Garni in der Varrentrapp Straße in City West. Dort herrschte reger Betrieb, und meine Stube war gleich unten im Eingangsbereich. Den ganzen Abend unterhielt mich die Lautkulisse einer Familie mit aufgeweckten Kindern, die so etwa um vier Uhr nachts, wie es mir vorkam, aufbrachen, wobei sie polternd ihre Baggage die Trepen hinunter beförderten. Die Haustür krachte ins Schloß, und dann war endlich Ruhe.


Hauptsache ein Bett!

2 Kommentare zu „Großstadt mit Hindernissen

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  1. Die Diakonissinnen machen etwas falsch, scheint mir. Nicht irgendetwas, sondern das Entscheidende. Die Geschichte vom Gärtner hat mir gefallen. Tja, so viel Zwietracht und Missgunst unter den Menschen … Immerhin waren einige Wegabschnitte schön zu laufen, das freut mich.

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