Weinberge Adieu!

Auf Jakobswegen (33)

Zehnter Tag. Von Heidesheim bis Bingen und nach Hause

Etappe 4 – Von Fulda nach Bingen
Ende Juli, Anfang August 2022 / Eine Bildergeschichte


Etappen-Ziel Bingen

Morgenrot in Heidesheim


Kaum zeigte sich das erste Tageslicht war ich schon auf und vor der Tür. Die letze Strecke dieser Etappe lenkte meine Schritte noch einmal durch die Weinberge an den sanften Hängen südlich des Rheins. Auf dem Weg durch Heidesheim hinaus nach Westen leuchtete am dämmernden Himmel über der Pfarrkirche St. Philippus und Jakobus noch der Morgenstern.



Zwischen Heidesheim und Ingelheim steigt der Weg gelinde knapp 200 Meter an und befördert den Wanderer auf die weinbergbepflanzten südlichen Hänge. Immer wieder öffnet sich der Blick auf den Rhein und den Taunus im Norden. Der Heidesheimer Weg ist eine Freude. Die rosenfingrige Eos trat ihren Dienst an und färbte diesen alten Baum, der sich vor mir hoch in den Morgenhimmel reckte.



Immer wieder einmal drehte ich mich um, damit ich nicht den Sonnenaufgang verpasste.



Viel fotografiert habe ich nicht auf dieser Strecke. So kam ich beispielsweise durch Ingelheim, habe aber nur für einen kunstinteressierten Freund diesen Erzengel, seinen Namensvetter Michael, an irgendeiner Hauswand festgehalten.


In den Weinbergen am Nordausläufer Westerberg

In Gau-Algesheim gab es Frühstück. Dann setzte sich der Jakobsweg fort unter den Bahngeleisen hindurch zum Westen hinaus auf einem Weg, der den Welzbach entlang führte und dann weit über die Felder geradewegs auf die L419 und die Autobahn 60 zulief, dort, wo sie auf die Schienen treffen. An diesen entlang und unter den Straßen durch wechselte ich in einem scharfen Schwenk nach Norden, hinüber ans Rheinufer, nördlich an Gaulsheim und Kempen vorbei und immerzu sehnsüchtig Ausschau haltend nach den Bingener Hauptbahnhof. Dieses stattliche Gebäude im Foto (siehe Pfeil) sah schon vielversprechend aus, war aber der Bahnhof Bingen Stadt.


Bahnhof Bingen Stadt


Die Stadt Bingen zu würdigen und beispielsweise dem Jakobsweg treu zu folgen und so die sicherlich sehenswerte Drususbrücke mit eigenen Augen zu schauen, muss ich zu meiner Schande geschehen, das ließ ich bleiben. Ich hatte Heimweh und eilte Richtung Bahnhof, wobei ich mich nördlich hielt, so dass ich die Nahe an ihrer Mündung über eine Eisenbrücke überquerte.


Brücke über die Nahe, mit Blick nach Süden auf die Evangelische Gustav-Adolf-Kirche in Bingerbrück (spitzer Turm) und auf die Pfarrkirche St. Rupertus und St. Hildegard.


(Es gibt eine ganz nette Internetseite von Waterclerk on Tour über Kirchen, wo diese schön dokumentiert sind – ein bisschen herunterspulen.)

Kleiner Exkurs zum Heiligen Rupertus

Um nicht gänzlich gottlos hier als Jakobspilger zu erscheinen, hab ich etwas zu dem erwähnten unbekannteren Heiligen, Rupertus, recherchiert; denn Hildegard von Bingen ist ja hinlänglich bekannt. Ihr Namenstag wurde übrigens gestern, am 17. September, an ihrem Todestag, gefeiert. Auch vom Erzengel Michael hat jeder wohl gehört. Den fragwürdigen Patron Heiligen Gustav II Adolf von Schweden klammere ich mal aus (siehe Kaiser Wilhelm I und Hermann, weiter unten).

Rupertus, von der die Stadtverwaltung Bingen kühn behauptet, dass er bekanntermaßen als Patron der Pilger gilt, gibt es in der Legenda Aurea zweimal: einmal als Mönchsgefährten und leiblichen Verwandten von St. Bernhard. Er war in Ordensangelegenheiten in Cluny und sollte postwendend umkehren. Beim Briefdiktat im Garten fing es an zu regnen; und der Schreibermönch wollte schon die Werkzeuge zusammenpacken und unters Dach flüchten, als Sankt Benedikt ihn aufmunterte, getrost weiterzuschreiben in Gottes Namen.


Das führte zu dem Wunder in Umkehrung von Charly Brown: bei dem war es ja überall sonnig, nur über ihm regnete es. Solch eine Trockenheit-Nässe Geschichte, die von Gottes Allmacht zeugt, erinnert auch an das Tauwunder des Gideon in der Bibel (Buch der Richter 6, 36-40).


Der zweite Rupertus war, laut der goldenen Legende, Abt des Klosters Molesme, [stummes s], der mit seinen Mönchsgefährten „in die Einsamkeit von Cistercium“ [Cîteaux] zog und als Gründer des Schweigeordens der Zisterzienser gilt.

Bingens Rupert scheint, laut einer gewissen elektronischen Enzyklopädie, keiner der beiden zu sein und auch weder Rupert von Deutz noch Rupert, der erster Bischof von Salzburg und Apostel der Bayern. [Nachzulesen bei Joseph Braun, Tracht und Attribute der Heiligen in der deutschen Kunst. Stuttgart 1943. Gebr. Mann Verlag, Berlin, 3. Aufl. 1974.]. Es gibt in der Wikipedia auch noch einen Rupert von Ottobeuren, aber der ist auch nicht gemeint.


Unser Rupertus von Bingen ist der Patron von Bingen-Bingerbrück und Patron der Pilger, dessen Gedenktag der 15. Mai ist und der im 8. Jahrhundert gelebt hat. Sein Leben war kurz. Er starb mit 20 an Fieber, war aber zuvor nach Rom gepilgert und hat wohl auch Kirchen errichtet und das Kloster für Hildegard, Kloster Rupertsberg, gebaut.


Jenseits der Nahe, in Bingerbrück, fand ich endlich den sich etwas schmucklos präsentierenden Hauptbahnhof Bingen.


Ich hoffte auf eine zügige Verbindung, die mich bis kurz vor Mitternacht nach Berlin bringen sollte, geplante Abfahrt zwölf Uhr dreizehn.


Ein letzter Blick auf Burg Ehrenfels


Noch ein 9 € Ticket Abenteuer, im August 2022

Der Zug nach Koblenz meiner Wunschverbindung fiel aus, wegen der plötzlichen Erkrankung des Zugführers. Ich disponierte um und stieg in den Zug nach Köln. Der war gefüllt wie eine Sardinendose und hielt bei jeder Haltestelle. Jedesmal begrüßte ich neue Fahrgäste mit: „Zusteigen auf eigene Gefahr“, was mit Galgenhumor gelitten wurde.

Dann kam der Zug in Unkel zum Halten wegen Reparaturarbeiten am Signal. Mein unmittelbarer Nachbar, der einige Zeit vergeblich nach einem bequemen Griff gefahndet hatte, soweit es der Bewegungsraum zuließ, meinte nach einer Weile des Stillstands, dass die Reparaturarbeiten wohl inzwischen erledigt seien, wir aber jetzt auf die Versorgung der Notfälle warten müssten. Jetzt bemerkte auch ich den Unfallwagen und eine Schar von emsigen Sanitätern. Es waren dies noch die heissen Tage, und vermutlich hatten einige Fahrgäste das Bewußtsein verloren.

Dann sah der Nachbar auf dem Gegengleis einen anderen Zug Richtung Köln, und im Galopp wechselten wir über. Jeder erwischte sogar einen Sitzplatz. Es gab im ganzen Abteil erlöstes Gelächter, als der Zug anfuhr. In Köln war genug Zeit für einen Imbiss mit Hummusbrötchen und Apfelschorle.


Fahrplanmäßig ging es weiter nach Minden und vorbei an der Porta Westfalica.


Kleiner Helden Exkurs am Rande

Lange Zeit glaubte ich dank meines üblichen knubbeligen Hirns, dass unter der Kuppel vom Porta Westfalica Denkmal das Standbild des Arminius wäre. G* und J* besuchten vor ein paar Jahren dann mal die Sehenswürdigkeit in diesem Glauben und sahen sich plötzlich schockiert mit Kaiser Wilhelm I. konfrontiert. Weder Willem noch Hermann verdienen nun ja große Bewunderung … . Arminius gehört natürlich ins Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald.

Weiter geht die Zugfahrt – oder auch nicht.

Die Bahn ruckelte los und fuhr eine Weile; dann: erneuter Stillstand. War es ein Güterzug, der vorgelassen wurde? War es eine weitere schadhafte Signalanlage? Jedenfalls schwand die Chance, mit dem Nahverkehr noch am selben Tag Berlin zu erreichen. Um nicht drei, vier Stunden in der Nacht auf einem Bahnsteig warten zu müssen, entschied ich mich, als ich in Hannover eintraf, wenn auch zu meinem Chagrin, für die Weiterfahrt im ICE. Der Fahrscheinautomat am Gleis verlangte 58 €, nahm aber weder Geldschein noch Karte an. Ich eilte im Gedränge hoch und suchte einen weiteren Automaten. Da ging es auf Anhieb und tadellos, aber unter 68 € war nichts zu machen. Rätselhafte Zivilisation. Meine Hast war unnötig. Inzwischen sollte sich der teure ICE um 45 Minuten verspäten. In der Durchsage wurde als Ursache genannt: „Es befinden sich unbefugte Personen an Bord. „


Hannover Hauptbahnhof am Abend

Da mussten jetzt bei der Deutschen Bahn schwerwiegende Gründe vorliegen, um in Kauf zu nehmen, dass etliche teuer zahlende Reisende womöglich ihre Anschlüsse verpassten, die Passagiere im Zug 45 Minuten hingehalten und die in Hannover zum Warten am Bahnsteig genötigt wurden. Zeit genug, nach Gründen zu suchen hatte ich ja. Also kam ich auf mehrere Möglichkeiten:


Unbefugte Personen an Bord des ICE: 45 Minuten Verspätung

  • a) die Delinquenten mussten zur Strafe bis zur nächsten Haltestelle vor dem Zug herlaufen
  • b) ihnen wurden Schwarzfahrer-Anstecker angeheftet, damit sie dann in Schimpf und Schande aus den Zug geleitet würden
  • c) es gab eine Strafakion der aufgebrachten Mitreisenden
  • d) Balken, Federn und Teer mussten herbeigeschafft werden (s. Lucky Luke, Heft 33. S. 22)
  • e) es gab eine 45 minütige Strafpredigt vom Schaffner

Immerhin, der Zug nach Hannover war beinahe leer. Der Anschlussbus zum Potsdamer Platz stand bereit, und im Nu brachte mich die S Bahn nach Hause, knapp vor Mitternacht. Das eigene Bett ist nicht zu verachten!

Noch einmal würde ich das 9 € Ticket Abenteuer wagen, für die fünfte Etappe: von Bingen nach Trier. Aber erst einmal gab es ein paar sommerliche Tage dazwischen in Berlin.

2 Kommentare zu „Weinberge Adieu!

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    1. Danke für die Kommentare. Es hat schon sein Gutes, dass Denkmäler und Namensehrungen heute hinterfragt werden. Und, ja, ich liebe es, angestaubte Begriffe wieder ein wenig zu polieren und zu präsentieren. Dem mächtigen Baum vor Bingen bewahre ich Zuneigung und Respekt – so wie beispielsweise auch der Platane vor der Bibliothek am Kulturforum.

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