Altgriechisches auf dem Friedhof

Altsprachliche Funde


Zwischen Wandern und Semesterbeginn bleibt noch ein wenig Zeit zum Mitteilen auf diesem Blog. Wer weiss schon, wie es sein wird, wenn das Studium wieder im vollen Schwunge ist. Gestern stöberte ich in unserer Berlin-Sparte im Regal, um Spaziergang-Ideen fürs Wochenende zu finden.


In und um Berlin


Unter Spaziergänge in Schöneberg von Stefan Eggert stieß ich auf Altgriechisch.


Auf dem Foto sieht man in Stein gehauen, geschrieben in Majuskeln: ΣΚΙΑΣ ΟΝΑΡ ΆΝΘΡΩΠΟΙ. Das steht auf dem Grabstein von Georg Büchmann, dessen Grabstätte, wie sich herausstellt, ganz bei uns in der Nähe auf dem Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof ist. Bevor ich Sie auf einen kleinen Spaziergang dorthin mitnehme, hier noch kurz zum Buch:


Horazens Latein im Verlagssigel


Sapere aude (Hor. Ep. 1.2,40)

Der Stadtteil-Reiseführer, ein feines Büchlein vom Verlag Haude & Spener von 1997 aus der Reihe Berlinische Reminiszenzen, ist leider nur noch antiquarisch zu haben. Der Verlag verlegt weiter schöne Bücher und sagt zu seinem Signum:

Auf Ambrosius Haude geht das noch heute verwendete Verlagszeichen mit dem Brustbild der gepanzerten Minerva, der Göttin der Weisheit, zurück, sowie das Wort von Horaz getreu der alten Losung im Verlagszeichen:

„Sapere aude“ – „wage, weise zu sein“ [Verlagsseite Haude & Spener]

Georg Büchmann (1822-1884) ist der Autor des Standardwerks „Gefügelte Worte“. Er wird immer noch verlegt, im Berliner Ullstein Verlag. (Verlagsseiten, wie diese von Ullstein, sind in unseren Zeiten allzuoft leider seelenlos geraten. Haude & Spener ist da noch ganz freundlich.) Es scheint übrigens, als hätten wir mit Büchmanns Geflügelten Worten eine schändliche Lücke in unserer Haus-Bibliothek. …


Haude & Spener / Goldmanns Gelbe Taschenbücher, Band 499

Das Zitat auf dem Grabstein von Georg Büchmann heißt übersetzt: Eines Schatten Traum sind die Menschen, oder, wie es bei Ludwig Wolde, in unserer alten Ausgabe vom Goldmann Verlag von 1958, nah am Original, übersetzt ist: Ein Traum / Des Schattens, das ist der Mensch. Es geht zurück auf Pindar (Pind. P. 8, 95,96); dort erscheint der Mensch im Singular. Ich hätte den Genitiv beim Traum vermutet. Interessant. Es erinnert mich natürlich an die anderen beiden Versionen: Das Leben, ein Traum (La vida es sueño, von Calderón). Der Traum, ein Leben (Franz Grillparzer). Viel Stoff zum Lesen und Nachdenken für den langen grauen Berliner Winter – und vermutlich auch sonst.

Die Oden von Pindar kann man in einem wohlfeilen zweisprachigen Reclam Bändchen, in der Übersetzung (1986) vom erst jüngst verstorbenen Eugen Dönt (1939-2022), erwerben. (Den Horaz gibt es bei Reclam natürlich auch, ein bisschen teurer, aber dafür mit seinen sämtlichen Werken.)

Diese Oktobertage sind sonnig und golden, weswegen ich aufbrach, das Grab mit eigenen Augen zu sehen. Noch ist das Laub an den Bäumen, und wie schön!.



Auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof

Die Zwölf-Apostel-Gemeinde verwaltet jetzt den Friedhof von der St. Matthäuskirche vom Kulturforum. Vorne am Eingang gibt es eine Auflistung von Ehrengräbern, aber Georg Büchmann ist dort nicht verzeichnet. Eine Suche im Netz erinnerte mich aber an die Seite vom Literarischen Colloquium, Literaturport, und dort fand ich, wo ich suchen muss: auf der Parzelle k-7-20. K fand ich schnell, ganz oben links an der Mauer zur Monumentenstraße, aber ich strich eine Weile erfolglos suchend durch die Reihen. Ich fragte einige Besucher, ob sie die Lage wüssten. Die erste Dame konnte mir nicht helfen, die nächsten, zwei junge Männer, waren zum Grab ihrer Mutter gekommen, und ich gab ihnen meine Kondolenz, die letzte, wieder eine Dame, wusste mir auch nicht zu helfen und meinte nur, dass dort oben die Kindergräber seien und er wohl kaum dort läge. Und doch fand ich seine Grabstätte dort, inmitten der Kindergräber.

So abwegig ist es nicht, dachte ich, wenn man bedenkt, dass Kinder oft etwas sagen, was lange nachhallt. Dazu fällt mir gerade ein: „Der König ist ja nackt!“ – Heute so wahr wie ehedem, und ich denke da weniger an Charles III. Auf dem Rückweg schaute die letzte Dame fragend von ihrer Bank auf, und ich konnte ihr die Grabstelle nun gut beschreiben. Hauptgrund seiner Lage ist wohl, dass Ehrengräber nicht so bald verlegt werden und den Wandel überdauern.


Ehrengrab von Georg Büchmann

Wie dem auch sei, wer entschieden hat, Pindars Worte auf Büchmanns Grab zu meißeln, warum aus dem Singular ein Plural wurde und was das alles zu bedeuten hat, das sind so Fragen, über deren Antworten man wohl nur mutmaßen kann …


… à propos Altgriechisch …


Homer, Odysseus und die Brücke Eiserner Steg in Frankfurt

Mehr zu diesem Zitat in altgriechischer Sprache steht bei meiner Frankfurt-Etappe vom Jakobsweg (Tag 30), etwas weiter unten im Text.


Ein Kommentar zu „Altgriechisches auf dem Friedhof

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  1. Die achte Pythie

    @MeisterAnatol schrieb mir auf Twitter:
    „Zum Plural in der Übersetzung der achten Pythie finden Sie Hinweise bei Theunissen, Pindar. Menschenlos und Wende der Zeit, S. 53ff. Dort auch Bemerkungen zum Genitiv, auf den Sie verweisen. Danke für den Text!“

    darauf antwortete ich erst einmal:
    Ach, der gute alte Theunissen, Gott hab‘ ihn selig. Danke, M. Anatol, für den Hinweis, dem ich sicherlich nachkomme. Herrn Theunissen habe ich an der FU noch gehört bei einem Vortrag, aber es war Anfang der 80er, und ich müsste lange im Hirn kramen, um auf das Thema zu kommen.

    Vielleicht hatte er damals über den Begriff „Ernst“ bei Kierkegaard gesprochen … https://www.nomos-shop.de/karl-alber/titel/der-begriff-ernst-bei-soeren-kierkegaard-id-104203/ Das Buch ist 1982 erschienen.

    [PS: das Twitter Konto ist inzwischen geschlossen]

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